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Zur frühen Geschichte der Ludwig-Erhard-Schule

Es ist kaum zu glauben, aber da rennt man Tag für Tag, Jahr für Jahr in immer das selbe Gebäude, begegnet dort zwei wunderschönen, jungen Damen die einem leicht bekleidet und verklärt nachsehen und man(n) weiß gar nicht, wer dies sein könnte!

Natürlich kann man diesem Umstand dem übergroßen Arbeitseifer als Lehrkörper in jenem Bauwerk der Ludwig-Erhard-Schule zuschreiben, aber so nach und nach wird doch die Neugierde immer größer zu wissen, um wen es sich nun denn doch handeln könnte, woher die Schönheiten stammen und was sie uns vielleicht zu sagen hätten.

Dass dieses Unterfangen des „Kennenlernens” nicht so ganz leicht sein würde, ist gleich schon bei den ersten Rechercheversuchen klar geworden: Kaum eine Kollegin bzw. ein Kollege - auch von den schon Längeranwesenden und Bewährten bzw. in den wohlverdienten Ruhestand versetzten - konnte etwas Gewinnbringendes zu den Grazien hervorbringen. Umso größer war die Anzahl der Vermutungen: „Es seien „Engel aus dem Stadtgarten, die hierher ins Trockene gebracht wurden” oder es wären „Lustgöttinen aus dem Schloß, die bei einem Umbau desselben hier vergessen wurden”.

Nein, keine befriedigenden Ausführungen. Also es bleibt nichts anderes übrig, als zu den Wurzeln unserer alten aber nicht weniger lebendigen Schule vorzudringen, damit Schatten und Mysterien endlich einmal ans Tageslicht können. Vielleicht stößt man dabei auf alte Geheimnisse, verborgene Schätze oder gar Gräber? Wegen Letzterem muß man sich nicht fürchten und sich auch keine großen Sorgen machen, hängen diverse Skelette doch schon Richtung Erdgeschoß in der Sammlung der Gesundheitsabteilung wohlbehütet an Ständern in einer Ecke.

Um nun etwas tiefer in der Geschichte graben zu können bedarf es also einer etwas umfassenderen Recherche als Reale- oder Exkolleginnen und Kollegen zu konsultieren!

Das Ergebnis? Absolut erstaunlich!

Beginnen wir mit der Bauhistorie des Gebäudes in der Englerstraße 12 und dem Kampf darum! Angefangen hat es nämlich quasi mit einem Streit. Ursache war die Planung bzw. Erbauung eines neumodischen und sich neu orientierenden „Reformgymnasiums” gerade in der Stadt Karlsruhe, dessen Notwendigkeit teilweise angezweifelt wurde und deren pädagogische Ausrichtung und Konzeption nicht auf einhellige Meinungen stieß. „Der erste Anfang einer Realschule im Großherzogtum Baden wurde in Karlsruhe 1812 gemacht. In diesem Jahre wurde mit dem damaligen Lyceum (Gymnasium) eine Realabteilung von vier Jahrescursen neben Quinta und Quarta errichtet. Als nothdürftiges Anhängsel zum Lyceum hatte sie eine ebenso nothdürftige Organisation, als mangelnden Erfolg.” So geben die ersten Spuren eines Jahresberichtes von 1875 Auskunft über das vorhandene Dilemma. Gott sei Dank haben sich schon damals die innovativen Kräfte von Reformern durchgesetzt und es kam um 1870 zur planerischen Verwirklichung bzw. zum Beginn einer Realisierung. In den Jahren 1873 / 74 wurden in der jetzigen Englerstraße durch eine „großherzogliche Verfügung aus höchst ihrer Privatkasse gratis” der Stadt Karlsruhe die Parzellen „Baumschule” und „Holzlagerplatz” zugewiesen. Seiner Königlichen Hoheit dem Großherzog ist es also zu verdanken, dass an einen neuen Schulbau nicht nur gedacht wurde, sondern es letztendlich zu einer Umsetzung kam! Im darauf folgenden Jahr ist das komplette Gebäude der heutigen Handelslehranstalt durch den Architekten Heinrich Lang durchgeplant und begonnen worden.

Baurath Lang, Professor der Baukunst am Polytechnikum in Karlsruhe, welcher ein Student des bekannten Prof. Heinrich Hübsch war, ist als Architekt für Karlsruhe häufiger in Erscheinung getreten. Neben dem Erstellen der pädagogische Hochschule zeichnete er sich noch verantwortlich für das Fichte-Gymnasium, die Uhland-Schule und das Pendant der o. g. Lehranstalt nämlich des Kant-Gymnasiums. Auch war er verantwortlich für den Bau der höheren Bürgerschule in Freiburg sowie für das physiologische Institut in Heidelberg. Das gesamte Projekt wurde im Jahr 1876 fertig gestellt, was noch heute die Eingangspforte der Schule dokumentiert. Obwohl sich die Form des Bauplatzes - welcher einen stumpfen Winkel beinhaltet - sich nicht so gut für ein solches Vorhaben eignete, gelang es jedoch dem routinierten Architekten trotz aller Probleme ein für damalige Verhältnisse - nicht nur von aussen gesehen - exakt durchgegliedertes Werk zu realisieren.

Laut Schlußbeschreibung des Bauwerkes 1876 wäre folgendes besonders lobend hervorzuheben: „Die Schulräume sind zum großen Teil gegen Nordost und nur wenige gegen Osten, der für das Freihandzeichnen ist gegen Norden gelegen. Diese Lage, welche sich theilweise aus dem Bauplatz ergab, ist eine äußerst günstige, indem die Schulräume zwar von der Sonne erreicht aber nicht belästigt werden, wie dies bei direkt gegen Süden gelegenen Schulsälen der Fall ist. Die Lage des Gebäudes selbst läßt in gesundheitlicher Beziehung nichts zu wünschen übrig, indem es auf einem Sand und Kies zusammengesetzten Baugrund steht mit einem Grundwasserniveau von 3,75 - 4,75 Meter Tiefe und theils von Gärten, theils von dem prachtvollen Park des Großherzoglichen Residenzschloßes umgeben ist.” Der Preis des Gesamtwerkes betrug damals um die 480 000 Mark, was zu dieser Zeit nicht gerade wenig erscheint. Einmal in Betracht gezogene Lehrerwohnungen wurden nicht realisiert, jedoch eine Dienerwohnung im Kellergewölbe, „die der überwachung wegen nothwendig sei” und in einer Weise angebracht ist ”dass sie in gesundheitlicher Beziehung nichts zu wünschen übrig läßt”. Auch gab es eine „Directorswohnung”. Sie soll „wie bei der höheren Bürgerschule in einem nur durch den Hofraum getrennten Gebäude eingerichtet werden.”

Was die Beschaffenheit und Größe der einzelnen Schulzimmer anbelangt, hat man sich auf einen damals üblichen Klassenteiler bezogen: „Die Größe der Schulsäle ist abhängig von der Schülerzahl, sowie von der Construktion und Stellung der Subsellien. Obschon der Grundsatz aufgestellt und allgemein anerkannt ist, das ein Lehrer nur 45 Schüler mit gutem Erfolg unterrichten kann, so wird doch insbesondere bei den unteren Klassen stark frequentierter Schulen diese Normalzahl nicht selten überschritten werden müssen; deshalb sind einzelne so groß angelegt worden, dass nöthigenfalls 60 Schüler bequem Platz finden können.”

Der damalige Oberbürgermeister von Karlsruhe Lauter unterstützte das Projekt dabei mit besonderem Engagement. Dies ist der Einweihungsansprache des damaligen Direktors Karl Kappes zu entnehmen, welcher ebenso darauf hinwies, dass der gesamten Bürgerschaft der Stadt Karlsruhe zu danken ist weil sie „... aufs neue bekundet hat, dass sie kein Kapital im Gemeinwesen besser und schöner angelegt erachtet, als in der Sorge für Jugendunterricht und Jugenderziehung fern vom lärmenden Geräusche des Marktes; in ruhiger und anmuthiger Zurückgezogenheit hat sich ächter Bürgersinn ein zweites, schönes, dauerndes Denkmal gesetzt.”

Bei dem Bau ist der innere Zierrat des Schulhauses überaus auffällig und der Bewunderung absolut würdig! Vor allem Zeitgenossen, welche sich geschichtlich mit dem 19. Jahrhundert auseinandersetzen, werden es kaum glauben, wenn man sich die Inhalte etwas näher betrachtet!

Zum Beispiel malte der Künstler Rudolf Gleichauf, welcher auch das Giebelfeld des Vierortbades entwarf und verwirklichte, in „12 Lünetten” das Gewölbe über dem zentralen Treppenaufgang aus.

Seine Bilder in Öl gestaltet zeigen Allegorien der „Wissenschaften” und der „schönen Künste” nebeneinander in vollkommener Parallelität, wovon „je drei für die Charakterisierung der humanistischen, mathematischen, naturwissenschaftlichen und graphischen Studien und Uebungen verwendet werden.”

Treppenaufgang im 19. Jahrhundert:

Genau um jene „Parallelität” geht es, denn wenn man weiß, dass die Geisteswissenschaften in dieser Zeit annähernd ein Stückweit das „Primat besaßen” und „herrschend über allen Wissenschaften” standen, so verwundert es doch ein wenig, dass gerade Künstler versuchten hier „kompensatorisch” etwas ein- vielleicht auch entgegenzuwirken.

Auffallend ist somit der ganzheitliche Ansatz der Darstellungen bzw. der gesamten Schulausschmückung, welcher gerade die Verbundenheit und Solidarität aller Wissenschaftszweige untereinander hervorhebt.

Laut Erklärung des Jahresberichtes von 1875 / 76 „wurde der Schmuck an Statuen und Bildern in der Absicht angenommen, die ästhetische Erziehung der Jugend nach Kräften anzuregen und zu fördern und so beizutragen, dass die ideale Seite der Jugenderziehung in der vom Materialismus so stark überwucherten Zeit nicht aus dem Auge verloren werde.”

Dieser Gedankengang bzw. exakt diese Argumentation könnte auch sehr gut in unsere heutige Zeit passen...! Hat sich denn gar nichts verändert? Waren das damals nicht einmal die „guten alten Zeiten”?

Heute in einer relativ aufgeklärten Zeit, mag man bei solchen Vorhaben eher von „Aufbruchsstimmung” reden, zur damaligen Zeit wurden derartige Taten von manchen schon vielmehr als „kleine Provokation” empfunden.

Aber es kommt noch besser!

Nicht nur, dass kleine, sanfte Engelchen nun im Gewölbe mit den Symbolen und Inhalten der Wissenschaften sich vergnügen, nein auch im Erdgeschoß geht es bunt und avantgardistisch einher!

Kehren wir deshalb zu den schönen Grazien im Parterre zurück, welche linker Hand vom Eingang stehen und jetzt in unseren modernen Zeiten eine gläserne Feuerschutztür mit automatisierter Sprinkleranlage einrahmen.

Die beiden lebensgroßen Frauen - es handelt sich um Sandsteinplastiken - geben die „naturwissenschaftlichen (mit Diamant) und humanistischen (mit Papyrus) Bildungsideale” genauer gesagt „die exacten Wissenschaften” auf der einen Seite sowie „die Sprache und Geschichte darstellend” auf der anderen Seite als antike Frauengestalten wieder. Kreiert hat sie der Künstler und Bildhauer Prof. Moest.

Auch hier abermals die Parallelität der damals miteinander „konkurrierenden” Wissenschaftszweige in harmonischer Gleichberechtigung nebeneinander, womit auch die Eingangsfrage um wen es sich eigentlich handelt im Großen und Ganzen nun geklärt wäre.

Neben allen den Anspielungen und Herausforderungen auf ein holistisches Wissenschaftsgefüge hin, existieren noch zusätzliche „Portaitmedaillons” von Schiller, Lessing, Goethe, Shakespare, Gauß und v. Humboldt - quasi als „Heroen aus Bildung, Kunst und Wissenschaft” - die diesen Gedanken weiter untermauern. Sie hatten wiederum zum Ziel einen „Ansporn der Jugend” zu sein! Durch ihre Anwesenheit sollte der „Odem der reinen Wissenschaften und Künste” gerade dem noch zur Schule Gehenden rundherum vor die Nase geführt werden!

Dieser „hehre Anspruch” der porträtierten Größen soll von neuem die Identifikation mit „gehobenen Bildungsinhalten und Bildungsidealen” veranschaulichen und natürlich auch in den pädagogischen Alltag bringen. Kein leichtes Ansinnen, bedenkt man doch die umfassenden geistigen Inhalte aller genannten Persönlichkeiten zusammen! Dass so mancher „Geistesblitz” jedoch gezündet hat, mag die lange Liste derer verdeutlichen, die schon im Jahre 1875 / 76 die Lehranstalt besucht und zum großen Teil mit Abschluß wieder verlassen haben: Insgesamt 411 Schüler aus Karlsruhe und Umgebung!

Ein etwas späteres Kind der Zeit ist die rote Marmortafel mit grünem Kranz welche u. a. gefallene Helden des 1. Weltkrieges verewigt und die Inschrift trägt: „dulce et decorum est pro patria mori”.

Ob moderne, aufgeklärte Auszubildende, einerlei ob Werbe- oder Gesundheitskaufmann bzw. -frau, Zahnmedizinische Fachangestellte oder Wirtschaftsschüler - egal welcher Nationalität auch immer - wissen, was damit gemeint ist?
„Süss und ehrenvoll ist es für das Vaterland zu sterben”!
Nun, man kann das Unverständnis in den Köpfen der jungen Leute deutlich spüren, gerade in einer Zeit der Globalisierung und des „multi Kulti”...

Was heute leider nicht mehr im alten Glanz erscheinen mag, ist die damalige Ausschmückung der Aula: „Die ziemlich reich ausgemalte ... trägt an ihrer Rückwand die Büsten von Sr. Königlichen Hoheit dem Großherzog, Sr. Majestät dem Deutschen Kaiser und dem Kronprinzen.” Schade, dass gerade die Malerei bei der Renovierung einer einfachen weißen Farbe weichen mußte.

Anmerkung des Webadmins:
Die Aula wurde 2016 renoviert. Sie wurd nach historischem Vorbild neu gestaltet.

So ziemlich in der Mitte des 2. Weltkrieges wurde das Realgymnasium, welches damals den Vornamen „Humboldt” besaß, einfach aufgelöst. In der Zeit danach sind die Domizile als Volksschule und eben als Handelslehranstalt II verwendet worden.

Gott sei Dank ist das Gebäude von keiner weiteren Zerstörung im Krieg heimgesucht worden, sodass die ureigenste Architektur bestehen blieb! Es dauerte allerdings recht lange bis die Schule nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches eine grundlegende Renovierung erhielt. Dass vieles - wenn auch nicht alles - im Innern der Schule wieder in den Farben der ursprünglichen Bildnisse erstrahlt, wird hier vor allem dem Verantwortungsbewusstsein des Amtsrates Striebich vom Hochbauamt Karlsruhe nachgesagt! Auch ist der Nachkriegszeit die heutige Anrede der Schule zu verdanken. Sie führt nun den Namen des bekannten Politikers und Begründers der „Sozialen Marktwirtschaft” Ludwig Erhard.

Wenn man bedenkt, wie viele Prominente diese Lehranstalt durchlaufen haben kommt man nicht umhin noch ein weniges mehr stolz auf unsere Schule zu sein. Zum Beispiel seien hier der ehemalige Oberbürgermeister von Freiburg Keitel, der ehemalige Leiter des Kulturamtes der Stadt Karlsruhe Emil Schiller und auch bekannte Sportgrößen wie z. B. Jens Nowotny genannt.

Der große Vorteil an einer „alten Schule” lehren und lernen zu dürfen ist es sich viel intensiver als ein Teil der Geschichte fühlen zu können. Dies rührt vor allem daher, weil alles was dieses Gemäuer zu bieten hat in einer stillen Minute mit offenen Augen, nachdrücklich zu reflektieren anregt! Zum Beispiel über Menschen, welche hier einmal ihrer pädagogischen Arbeit nachgingen, bzw. über Menschen, welche im Schweiße ihres Angesichts sich von Schuljahr zu Schuljahr bewegt haben, um als „geläuterte und wissende Bürger die Zukunft der Stadt tragen und Gutes für das Allgemeinwohl leisten zu können”.

Wie vieles doch heute noch ebenso eine Tragweite besitzt wie damals, lässt einem manchmal schon erstaunen. Nun wird also auch klar, welche Aufgabe die Schönheiten in der Eingangshalle haben: Sie sollen einerseits anregen zur parallelen und ganzheitlichen Auseinandersetzung mit den Wurzeln der Wissenschaften und Künste sowie um daraufhin nicht vergessen zu lassen, was schon Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (1768 - 1834), deutscher evangelischer Theologe, Philosoph und Pädagoge anführte:

„Die Schule hat nicht nur die Kräfte und Fähigkeiten zu wecken und zu üben, sondern auch die Gesinnung zu entwickeln, insofern diese aus einem gemeinschaftlichen Leben hervorgeht.”

 

Dr. Dr. Hubert Donhauser